Wenn Freiheit erst mal weh tut: Trauer als Teil des Weges raus aus der Diätmentalität

Genau das ist der Moment, den viele nicht einplanen. Und der trotzdem dazugehört. Lass uns anschauen, was es damit auf sich hat.
Trauer ist eine Reaktion auf Verlust
Trauer wirkt beim intuitiven Essen oft wie etwas, das „nicht sein dürfte“, weil es doch eigentlich alles leichter werden soll. Dabei ist Trauer das Gefühl, das auftaucht, wenn ein Verlust sichtbar wird.Der Verlust einer Idee, eines Versprechens, eines ganzen Systems: die Hoffnung, dass du dich erst dann sicher, normal, schön oder geliebt fühlen darfst, wenn du dich genug optimiert hast.
Wenn dieses Versprechen bröckelt, ist das nicht nur befreiend. Es tut auch weh.
… aber worum trauere ich eigentlich?
Trauer hat in diesem Prozess viele Gesichter. Und ein paar davon tauchen so häufig auf, dass es sich lohnt, sie beim Namen zu nennen.Trauer um den Körper, den man immer erreichen wollte
Da ist diese Idealvorstellung vom eigenen Körper. Nicht nur von dessen Optik, sondern von den Werten, die man damit verbunden hat: Stolz, Anerkennung, Zugehörigkeit, Attraktivität, Normalität, Unbeschwertheit, Sicherheit.Manchmal heißt, eine intuitive Esserin zu werden, sich von diesem Ideal verabschieden zu müssen, weil es eigentlich nie haltbar oder vielleicht nicht einmal realistisch erreichbar war. Du trauerst nicht um „ein bisschen Optik“. Du trauerst um ein Versprechen, das dir sehr früh sehr plausibel gemacht wurde.
Trauer um Jahre im Wartemodus, um verpasste Freiheit und verpasste Chancen
„Wenn ich erst schlank(er) bin, dann…“Ich bin mir ziemlich sicher, dass du unzählige solcher Sätze im Kopf hattest. Und dass du auf unfassbar vieles verzichtet hast, weil du noch nicht dünn genug warst, noch nicht trainiert genug, noch nicht diszipliniert genug – weil du es noch nicht verdient hattest. Reisen, Dating, Fotos, Sommerkleider, Sex, Schwimmbad, Familienfeste…
Andere haben gelebt. Du hast gewartet und gehungert.
Das ist das Ergebnis eines Systems, das dir beigebracht hat: Leben gibt’s erst, wenn du perfekt genug bist.
Trauer um Essen, das man verpasst hat, um Genuss und Zugehörigkeit
Der Kuchen bei Oma, der Eisdielen-Besuch mit deinem Kind, die heiße Schokolade auf dem Weihnachtsmarkt. Ausreden findet man schnell: man hat schon gegessen, man hat gerade keine Lust drauf, vielleicht nächstes Mal.Dadurch hast du dir nicht nur Genuss versagt, sondern auch Spontaneität, Nähe und Gemeinschaft – und genau deshalb tut das so weh.
Trauer um Essen, das man gegessen hat, obwohl man es gar nicht mochte
Das ist einer der stilleren Verluste – nicht nur Verzicht, sondern jahrelang an den eigenen Vorlieben vorbeizuleben:Du hättest Pizza haben können. So eine echt italienische mit lockerem, krossem Boden, mit Mozzarella und Olivenöl. Stattdessen bist du mit deiner Low-Carb-Blumenkohl-Pizza daneben gesessen und hast beteuert, dass man den Unterschied gar nicht merkt.
Diäten machen heißt nicht nur, zu verzichten. Es heißt auch, jahrelang Dinge zu essen, die eigentlich nicht schmecken, die aber ins Kalorienbudget passen. Oder in die Makros. Oder in die Punkte.
Trauer, jahrelang einfach nur funktioniert zu haben
Funktionieren heißt nicht nur, Regeln einzuhalten. Es heißt oft auch, Bedürfnisse wegzuschieben, Gefühle zu unterdrücken, leise zu werden, Dinge durchzuziehen, möglichst wenig aufzufallen. Es heißt, den eigenen Körper wie ein Projekt zu behandeln und das eigene Leben wie die Belohnung, die später kommen soll.Das ist kein seltenes Muster. Das ist eine ziemlich logische Folge daraus, wie Disziplin in unserer Gesellschaft als Stärke gilt.
Trauer um das Verhältnis zu sich selbst
Irgendwann wirkt Härte wie Normalität. Selbstabwertung wie Motivation. Abwertung wie konstruktive Kritik. Und plötzlich ist man die Person, die man am wenigsten im eigenen Leben bräuchte: die erbarmungsloseste Feindin. So wird man zur Person, die sich am konsequentesten klein hält.Da draußen sind Menschen, die feiern sich für das bare minimum. Und du gönnst dir selbst nicht das kleinste bisschen Stolz, weil es niemals gut genug war.
Diätkultur verkauft Selbstabwertung als Disziplin. Irgendwann merkt man nicht mal mehr, wie brutal das eigentlich ist.
Trauer um Zeit, Geld und Energie
Wenn du mal grob überschlägst – wie viel Zeit hast du mit Workouts verbracht, die dir keinen Spaß gemacht haben?Wie viele Stunden sind drauf gegangen für die Recherche neuester Diäten?
Wie viel Geld hat dich Equipment und Co. gekostet?
Wie viel kognitive Kapazität hast du verbraucht, weil du in Gedanken Kalorien addiert hast anstatt deinem Gegenüber wirklich zuzuhören?
Wie viel Energie hast du verbraucht, die du in Hobbys, Zusammensein mit deinen Liebsten, Weiterbildung, Erholung oder Leben hättest stecken können?
Es ist immer wieder verblüffend, wie normal und gesellschaftlich akzeptiert, sogar erwünscht, es geworden ist, so viel Lebenszeit in die Kontrolle des eigenen Körpers zu stecken…
Trauer um Identität und Sicherheit
Dieser Punkt wird oft übersehen: Regeln sind nicht nur Regeln. Sie sind Identität.Wer bist du, wenn du nicht die bist, die immer eine Diät macht? Wer bist du, wenn du nicht die Fitte bist? Wer bist du, wenn dich nicht alle um deine Disziplin und dein Durchhaltevermögen beneiden?
Diäten und Regeln geben Halt. Sie geben einen sicheren Rahmen vor. Wenn die wegfallen, wenn ich das nicht mehr mache – wer bin ich dann?
Da fühlt sich Freiheit schnell eher an wie freier Fall und vollkommene Orientierungslosigkeit.
Das ist viel. Und das darf es auch sein
Die Trauer, die da ist, bezieht sich also nicht nur auf Essen oder auf deinen Körper. Du trauerst um verpasste Möglichkeiten, um Zugehörigkeit und ein Leben, das sich lange wie „auf später verschoben“ angefühlt hat.Trauer ist kein angenehmes Gefühl. Es ist nicht schön, sich vor Augen zu führen, was man verpasst hat und wie unfair man sich selbst gegenüber war. Und genau deswegen darf, ja, soll diese Trauer da sein. Du darfst dir die Zeit und den Raum nehmen, um all das zu trauern.


